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Stirbt das größte Lebewesen
der Welt?
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Das größte Korallenriff der Welt ist ein riesiger Organismus.
Doch das Great Barrier Reef vor der Tropenküste Australiens ist in Gefahr.
Wer Türkis für eine Farbe hält, ist noch nicht mit Terry geflogen. Es sind Dutzende,
nein Hunderte von Farbtönen zwischen Zitronengelb, Smaragdgrün und Königsblau, die
unter uns zwischen winzigen Palmeninseln bis hin zu einer aquamarinblauen Linie am
Horizont verschwimmen, dem Außenriff draußen im Ozean.
Terry hat auf die Bitte nach einer Extraschleife
nur gewartet, rückt die Sonnenbrille zurecht und würgt den Steuerknüppel seines
australischen Wasserflugzeugs herum wie Crocodile Dundee eine Echse: 60-Grad-Schräge,
Nase runter, Tiefflug, röhrend wieder hoch. Uns stockt der Atem - nur der Meeresbiologe
Justin Marshall schaut mit Sorgenfalten hinunter auf den Meeresgarten Gottes:
"Genießen Sie den Anblick, solange es noch geht:" Wir sind zu Gast in einem
bedrohten Paradies: dem Great Barrier Reef. Aberbillionen Korallenpolypen formen hier wie
die Zellen eines Körpers einen riesigen, fein strukturierten Organismus - Biologen nennen
es auch das größte Lebewesen der Welt.
Um es in Gänze zu bewundern, müßte Terry bis in den Weltraum steigen. |
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Dieses Riff vor der üppigen
Tropenküste Queenslands ist das mit Abstand größte der Erde: 2200 Kilometer lang,
zwischen 30 und 260 Kilometer weit im Meer. 3000 Einzelriffe, durchwachsen von
"Kanälen", Sandbänken und 700 meist winzigen Robinsoninseln, erstrecken sich
hier im 27 Grad warmen Pazifikwasser auf einer Gesamtfläche des wiedervereinigten
Deutschlands.
Australier wie Terry sind stolz auf ihr Weltwunder: das größte je von Lebewesen
erschaffene Bauwerk (vom Mond aus mit bloßem Auge zu erkennen), das höchste dazu (bis
700 Meter) und aus genetischer Sicht die ältesten lebenden Tiere (1000 Jahre alte
Kolonien sind das Teilungsprodukt eines einzigen Polyps).
Rauschend setzt Terry seine Maschine auf das kristallklare Wasser vor Lizard Island, wo
die Universität von Queensland eine Station betreibt. Hier gehen die Experten den
geheimnisvollen Farborgien des Rifflebens auf den Grund. Sie erforschen nicht nur den
faszinierenden Geschlechtswandel der Papageifische (aus einer unscheinbaren Haremsdame
wird ein protzig herausgeputztes Männchen, wenn der alte Revierchef verschwunden ist)
oder die Ironie der Evolution. daß ausgerechnet die buntesten Kraken der Welt farbenblind
sind. |
| Mit wachsender Sorge registrieren
die Biologen auch das langsame Sterben der Korallen - hier am Barrier Reef und weltweit.
Wo sich noch vor einem Jahr lebende Gebirge in bizarren Formen und mannigfacher Färbung
erhoben, ragen nun kahle, bleiche Stöcke empor: "Ganz weiß, wie Gespenster",
sagt Marshall. Das ist das erschreckende Phänomen der Korallenbleiche: Die an sich
farblosen Tiere stoßen im sich aufheizenden Wasser der immer wärmeren Sommer bestimmte
einzellige Algen aus ihrem Körper ab, die sie in ihrer Zweckgemeinschaft zum Überleben
brauchen. |
Nur mit ihnen können Korallen
Nährstoffe und Sauerstoff gewinnen und die Kalkgebirge mit ihren phantastischen
Strukturen bilden, in denen von der winzigen Grundel bis zum Hai mehr als 4000 Fischarten
leben, dazu Schnecken, Muscheln und Schwämme - 14000 Arten insgesamt. Außerhalb dieser
"Regenwälder der Meere", der Kinderstube der Speisefische des Menschen, sind
die tropischen Ozeane fischarm.
Schnorchelnd tauchen wir in einen Lebensraum ein, in dem das schrillste Outfit seit
Jahrmillionen die beste Tarnung war. Langsam wiegend filtert die weit geöffnete
Riesenmuschel Plankton aus der Strömung. Grün, hellblau gepunktet - und 1,5 Meter groß.
Warum sie Mördermuschel heißt, ist Justin Marshall ein Rätsel. Sanft berührt er ihren
Rand. |
Das fast 100 Jahre alte Tier zieht
sich zusammen, um sich gleich wieder zu öffnen. Der Biologe streichelt das leuchtende
Innere der größten Muschel der Welt: glatt, weich und fleischig.
Daß Australien das Barrier Reef zum größten Naturpark der Erde erklärt hat, ist ein
wichtiger Schlag gegen die verheerende Dynamit- und Blausäurefischerei. Es gibt auch neue
Methoden, tote Riffe künstlich wieder anzusiedeln.
Ob sich die Hoffnung der Forscher auf Rettung erfüllt, ist aber offen. Wenn die
Klimaerwärmung so ungebremst anhält, würde das größte Lebewesen der Welt in zwei bis
drei Jahrzehnten komplett erstickt sein. Wenn der Mensch nicht schnell handelt, braucht
Terry bald keine Extraschleifen mehr zu fliegen. |
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